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"Gewalt kommt nicht in die Tüte"

24.11.2017: Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen am 25. November

Statement zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen am 25. November
Nähere Informationen zu der Kampagne finden Sie hier: Gewalt kommt nicht in die Tüte!

Die Psychotherapeutenkammer Hamburg begrüßt ausdrücklich die Kampagne der Bäckerinnung und des Arbeitskreises gegen Gewalt an Frauen und Mädchen Hamburg.
Ich bin immer wieder beeindruckt vom Engagement der Organisatorinnen und Organisatoren und freue mich, dass es immer größere Kreise zieht. Das ist notwendig! Und das ist gut so!
Als Psychotherapeutin arbeite ich seit vielen Jahren mit von psychischer, körperlicher und/ oder sexueller Gewalt betroffenen Patientinnen und kann deshalb auch aus meiner eigenen Erfahrung sagen, was mittlerweile viele Studien belegen:

Gewalterfahrungen können schwerwiegende und oftmals langjährige psychische und körperliche Beeinträchtigungen und Erkrankungen nach sich ziehen. Insbesondere das Erleben und Miterleben von Gewalt in Partnerschaft, Familie und sozialem Nahraum erschüttern das Vertrauen in Beziehungen und verletzen das Selbstwertgefühl. Sie erschweren oftmals auch durch vielfältige Traumafolgestörungen die gesamte Lebensgestaltung.
Das bedeutet z.B. konkret:
Ein Mädchen, das durch Schlafstörungen und quälende Albträume keine Nacht ruhig schläft, ist tagsüber in der Schule nur sehr begrenzt konzentrations- und leistungsfähig.
Eine Frau, die unter ständigen Angstzuständen und Panikattacken leidet, ist in ihren Gestaltungsmöglichkeiten und ihrem Bewegungsradius stark eingeschränkt und kann z.B. nicht mehr aus dem Haus gehen oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen.
Eine Frau, die mit permanenten Ekelgefühlen und sexuellen Funktionsstörungen zu kämpfen hat, ist gravierend in einem positiven Körperempfinden und in ihrer Genussfähigkeit beeinträchtigt.

Angesichts dieser schwerwiegenden Folgen muss gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen durch eine fachlich qualifizierte und zeitnahe Beratung und psychotherapeutische Unterstützung geholfen werden. Dafür müssen allerdings bestehende Versorgungsprobleme endlich gelöst werden.
So gibt es zwar seit April 2017 durch die psychotherapeutische Sprechstunde die Möglichkeit eines schnelleren Zugangs zu einem Erstgesprächs. Aber es gibt noch immer zu wenige Plätze für ambulante Psychotherapie, so dass es zu langen Wartezeiten kommt. Eine Reform der Bedarfsplanung ist deshalb dringend notwendig.
Für komplex traumatisierte Patientinnen reichen oftmals die Kontingente in der ambulanten Behandlung nicht aus. Hier müssen flexible und dem individuellen Bedarf angepasste Lösungen gefunden werden.
Zwar gibt es in Hamburg das bis 2018 laufende Modellprojekt "Dolmetscher-/ Sprachmittlerpool", aus dem eine Begleitung psychotherapeutischer Behandlung durch SprachmittlerInnen finanziert wird. Grundsätzlich muss aber das Anrecht auf eine Sprach- und Kulturmittlung gesetzlich im SGB V geregelt werden, um auch gewaltbetroffenen migrierten Frauen und Mädchen, die nicht (ausreichend) Deutsch sprechen, eine angemessene psychotherapeutische Behandlung zu ermöglichen.

Da das Ausmaß, in dem Frauen und Mädchen von Gewalt bedroht und betroffen sind, weiterhin hoch ist - mit den oben beschriebenen Folgen für ihr Leben -, müssen zum wirksamen Schutz weitere Maßnahmen zur frühzeitigen Gewaltprävention entwickelt werden. Die Landesrahmenvereinbarung Prävention in Hamburg mit dem Fokus auf der Stärkung der psychosozialen Gesundheit bietet gute Voraussetzungen sowie die finanziellen Mittel, um bewährte Projekte zur Gewaltprävention endlich großflächig umzusetzen bzw. neue Konzepte zu erproben. Die in der Landesrahmenvereinbarung beschriebenen Lebenswelten Kita, Schule, Arbeit und Quartier bieten dafür vielfältige Anknüpfungspunkte.
Als Präsidentin werde ich mich weiterhin dafür engagieren, dass die Psychotherapeutenkammer die "Brötchentütenaktion" und auch weitere Aktivitäten unterstützt, die auf das körperliche und seelische Leid gewaltbetroffener Frauen und Mädchen aufmerksam machen und sich aktiv für mehr Schutz und Hilfe einsetzen.

Dipl.-Psych. Heike Peper
Präsidentin


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Statement zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen am 25. November