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Suchtinterventionsprogramm der Psychotherapeutenkammer Hamburg

Auch PsychotherapeutInnen können Probleme mit Alkohol, Medikamenten oder Drogen haben; und laufen damit Gefahr, eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. Erfahrungen aus dem ärztlichen Bereich stützen diese Annahme. Daher hat die Psychotherapeutenkammer Hamburg ein Interventionsprogramm entwickelt, das betroffenen KollegInnen bei Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen rechtzeitige Hilfen anbieten und zu einer Enttabuisierung des Themas beitragen will.


Suchtgefährdende Arbeitsbedingungen

PsychotherapeutInnen sind einer Reihe suchtgefährdender Bedingungen in der Ausübung ihres Berufes ausgesetzt: lange und teilweise ungeregelte Arbeitszeiten, eine umfassende und anstrengende Ausbildung, komplexe Entscheidungssituationen, Kontakt mit schwierigen Menschen und belastenden PatientInnenschicksalen, hoher in- und extrinsischer Leistungs- und Erwartungsdruck. All dies kann zu anhaltendem emotionalen Druck und dem chronischen Gefühl führen, ständig funktionieren zu müssen und mit nichts wirklich fertig zu werden. Die Gefahr eines Burn-out ist, wie auch in anderen helfenden Berufen, groß. Von bedeutsamem Einfluss ist dabei sicherlich auch das idealisierte Selbstbild der PsychotherapeutIn: eine unverwundbare immer starke Helferin zu sein, die selbst nicht krank wird und nie ihre Selbstkontrolle verliert. Gerade bei uneingestandenen dauerhaften Erschöpfungszuständen oder chronischen Überforderungen, ist die Flucht in eine Sucht eine häufige wenn auch inadäquate Bewältigungsstrategie.


Scham und Bagatellisierung

Zwei wesentliche Gründe hindern betroffene Psychotherapeutinnen u.U. eine Behandlung aufzusuchen: Das eine ist die Verdrängung oder auch Bagatellisierung durch das direkte Umfeld, insbesondere Kolleginnen und Mitarbeiterinnen. Denn sowohl bei legalen Suchtmitteln (die etabliert und mit einer tolerablen Schwellendosis versehen sind) als auch bei Medikamenten- oder Drogenmissbrauch oder auch nichtstofflichen Süchten zeigt sich im kollegialen Umgang oftmals eine unangemessene Toleranz und ein eher ratloses Wegsehen. Das andere ist die Angst vor den Folgen einer Offenlegung der Sucht. Neben der Scham und der Furcht vor Stigmatisierung in der persönlichen, kollegialen und beruflichen Umgebung, ist es natürlich auch die begründete Furcht, die berufliche Existenz und damit die Einkommensgrundlage zu verlieren (durch Entzug von Approbation oder KV-Zulassung, mögliche Regressforderungen).


Berufsaufsicht und Fürsorgepflicht

Für approbierte Heilberufsangehörige hat eine Abhängigkeitserkrankung weitaus schwerwiegendere Konsequenzen als für andere Berufsgruppen: Da der Schutz der PatientInnen an erster Stelle steht und absoluten Vorrang vor den materiellen Interessen der Heilberufsangehörigen hat, geht die aufsichtsführende Gesundheitsbehörde bei einer Suchmittelabhängigkeit davon aus, dass die betroffene PsychotherapeutIn ihren Beruf aufgrund der Erkrankung nicht mehr ausüben kann. Konsequenterweise würde eine festgestellte Suchtmittelabhängigkeit in der Regel zu einem Ruhen oder sogar Entzug der Approbation durch die Aufsichtsbehörde führen.


Die Psychotherapeutenkammer Hamburg übt jedoch nicht nur (im Auftrag der Behörde) die Berufsaufsicht aus; sie hat auch eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitgliedern. Die Kammer ist gehalten, KollegInnen bei der Lösung von Problemen in der Berufsausübung zu unterstützen. Im Fall einer Suchterkrankung soll daher betroffenen Kammermitgliedern frühzeitig Hilfe angeboten werden, aus der Suchtmittelabhängigkeit auszusteigen, ohne dass dies zu den oben beschriebenen Sanktionen seitens der Approbationsbehörde führt.


Das Suchtinterventionsprogramm

In den vergangenen Monaten wurde daher in enger Abstimmung mit der Approbationsbehörde und unter Berücksichtigung der Erfahrungen der Ärztekammer Hamburg ein Interventionsprogramm für suchtmittelgefährdete oder -abhängige Kammermitglieder entwickelt. Grundlage hierfür ist die Bereitschaft seitens des Kammermitgliedes, sich in einen kontrollierten und begleiteten Heilungsprozess zu begeben, der mit der Beratung beginnt und das Ziel hat, über den Entzug und eine anschließende psychotherapeutische Behandlung die volle Berufsausübungsfähigkeit wiederherzustellen. In das von der Kammer beschlossene Programm sind sowohl Entzugskliniken als auch Beratungsstellen als Partner einbezogen. Das Programm beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und steht allen betroffenen Kammermitglieder offen; es soll zugleich durch das integrierte Beratungsangebot einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen. In der Regel wird das Programm vorgeschlagen, wenn sich über Hinweise oder Beschwerden von KollegInnen oder PatientenInnen der Verdacht einer Suchtproblematik bei einem Kammermitglied bestätigt. Betroffene KollegInnen können sich selbstverständlich auch selbst bei der Suchtbeauftragten der Kammer melden.


Die Zielsetzungen des Programms sind: Vermeidung des Ruhens oder des Entzuges der Approbation und der KV-Zulassung.


  • Schutz der PatientInnen vor möglichen negativen Behandlungsauswirkungen bedingt durch die Suchterkrankung des Kammermitglieds.
  • Angebot eines strukturierten und begleiteten Behandlungsprogramms.

Die Psychotherapeutenkammer Hamburg unterstützt das betroffene Mitglied bei der Suche nach geeigneten suchttherapeutischen Einrichtungen (stationär und ambulant), stellt den Zugang zu einer unabhängigen suchtmedizinischen Institution für die regelmäßigen Kontrollen her, hilft bei organisatorischen Problemen bedingt durch die Unterbrechung der Berufsausübung und bietet eine wertschätzende Begleitung während des Gesundungsprozesses an.


Wiederaufnahme der Berufstätigkeit

Die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit als PsychotherapeutIn kann erst erfolgen, wenn die betroffene KollegIn ihren Beruf wieder in vollem Umfang ohne jegliche Einschränkung - besonders im Patientenkontakt - ausüben kann. Der Vorstand der Psychotherapeutenkammer Hamburg entscheidet mithilfe eines externen Gutachters über die wiederhergestellte Berufsfähigkeit und teilt dies der Approbationsbehörde umgehend mit. Bei angestellten Kolleginnen findet darüber auch mit dem Arbeitgeber ein Austausch statt. Die Nachbetreuung im Rahmen des Interventionsprogramms wird in den meisten Fällen auch nach Wiederaufnahme der Berufstätigkeit - abhängig vom Verlauf des Gesundungsprozesses - über einen gewissen Zeitraum fortgesetzt.


Resümee

Die Teilnahme eines betroffenen Kammermitglieds am Interventions-programm, also an einer strukturierten suchttherapeutischen Behandlung mit Begleitung durch die Kammer, ist sinnvoll und notwendig, um die Betroffene zu befähigen, ihren Beruf als PsychotherapeutIn in voller Verantwortung wieder auszuüben. Wichtig ist, der Betroffenen den Weg zu ihrer Heilung aufzuzeigen, sie auf die berufsrechtlichen Implikationen ihrer Erkrankung hinzuweisen, und ihre Patientinnen vor möglichen negativen Behandlungsauswirkungen zu schützen.